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Themenseite: Juni/Juli 2026

Zehn Gebote.

Zehn Freiheiten?

Die Zehn Gebote gehören zu den bekanntesten Worten der Bibel. Viele Menschen kennen sie zumindest in Auszügen – aus dem Religionsunterricht, aus Filmen oder von den berühmten Steintafeln. Aber was sind sie eigentlich?

Verbote? Oder Handlungsanweisungen? Regeln, die das Leben einengen? Eine Blaupause für ein gutes Zusammenleben? Oder vielleicht etwas ganz anderes? Diese Seite lädt dazu ein, die Zehn Gebote neu zu entdecken. Nicht als fertige Antworten und nicht als letztgültige Erklärung, sondern als Gesprächsangebot. Denn in diesen kurzen Sätzen steckt überraschend viel Freiheit. Sie wollen Menschen nicht klein machen, sondern Freiräume eröffnen: für Vertrauen, für Beziehungen, für Ehrlichkeit, für Ruhe und für ein gutes Leben miteinander. Unsere Autorinnen und Autoren haben deshalb versucht, die Gebote als „Freiräume, die guttun“ zu lesen. Ihre Gedanken sind eine mögliche Deutung – und vielleicht ein Anstoß, selbst weiterzudenken.

Und Gott redete alle diese Worte...

Die Zehn Gebote stehen im 2. Buch Mose, Kapitel 20 und werden seit vielen Generationen gelesen, ausgelegt, diskutiert und unterschiedlich verstanden. 

Das erste Gebot
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Das zweite Gebot
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

Das dritte Gebot
Du sollst den Feiertag heiligen.

Das vierte Gebot
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Das fünfte Gebot
Du sollst nicht töten.

Das sechste Gebot
Du sollst nicht ehebrechen.

Das siebte Gebot
Du sollst nicht stehlen.

Das achte Gebot
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Das neunte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Das zehnte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.

Noch bevor das erste Gebot ausgesprochen wird, heißt es in der Bibel: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft." Die Gebote werden also Menschen gegeben, die bereits befreit wurden: Die zehn Gebote dürfen als Orientierung für Menschen gelten, die frei leben sollen?

Auch das ist natürlich nur eine Deutung. Aber vielleicht kann dieseden Blick auf die Zehn Gebote verändern und erweitern.

Du darfst.

Für diese Ausgabe von "Der Monat" haben wir die Gebote bewusst als Freiräume gelesen. Die Gedanken unserer Autorinnen und Autoren sind dabei eine persönliche Annäherung: Und sicher nicht abschließend. 

Gebot 1: Freiheit von falschen Abhängigkeiten

Was bestimmt mein Leben eigentlich? Geld, Erfolg, Anerkennung – oder etwas, das tiefer trägt?

Dass Gott die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, ist die Voraussetzung für die Zehn Gebote, erst recht für das 1. Gebot. Es beginnt daher: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat.“ Gott stellt sich vor: „Ich bin dein Gott, unverwechselbar, persönlich. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ „Andere Götter“ trugen damals Namen wie „Baal“ oder „Aschera“, heute heißen sie „Arbeit“, „Erfolg“, „Geld“, „Likes“ oder was sonst so wichtig scheint. Das 1. Gebot möchte von Abhängigkeiten befreien, die Menschen gefangen halten. Maren Michaelis

Gebot 2: Freiheit zur Ehrlichkeit im Glauben

Vielleicht beginnt Glaube dort, wo Menschen ehrlich bleiben.

„Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.“
Wie schnell wird Gott für eigene Interessen in Anspruch genommen – häufig auch, um dubiose oder ungute Absichten zu legitimieren.
Dieses Gebot befreit davon: Ich darf meine Absichten und Einsichten selbst begründen. Ich darf ehrlich zu mir selbst und zu anderen stehen.
So schützt Gottes Name – und meine eigene Aufrichtigkeit. Dr. Victor Linn

Gebot 3: Freiheit zur Ruhe

Vielleicht ist eines der wichtigsten Gebote heute die Erlaubnis, nicht ständig funktionieren zu müssen.

Das dritte Gebot wirkt im ersten Moment sehr fromm: Wir denken dabei sofort an den sonntäglichen Gottesdienstbesuch und bekommen dadurch oft ein schlechtes Gewissen. Dabei geht es um sehr viel mehr – es geht vor allem um mich und mein Wohl. Ich muss nicht ständig an die Arbeit denken. Ich muss mich nicht pausenlos im Handeln verlieren. Ich darf mit gutem Gewissen die Hände in den Schoß legen und „chillen“, wie man heute neudeutsch sagt. Ich darf den Feiertag ganz für mich genießen, so wie es in einem aktuellen Lied von Hannes Ringlstetter heißt: „I, i mach heut nix …“ Auch das bedeutet „den Feiertag heiligen“. Und natürlich kann das auch heißen, dass ich am Feiertag einen Gottesdienst besuche – aber nicht, weil ich muss, sondern weil ich’s kann und darf. Andreas Erstling

Gebot 4: Freiheit in Beziehungen

Beziehungen leben nicht davon, dass Menschen perfekt sind.

„Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden“, steht auf einem nicht ganz ernst gemeinten Schild. Schwierigkeiten mit unseren Eltern kennen wir alle, und sie müssen auch sein, damit das mit dem Ablöseprozess funktioniert. Aber sie sollen eben nicht dazu führen, dass wir die Beziehung zu unseren Eltern abbrechen.
Auch Eltern sind schwache Menschen und machen Fehler; das sollten wir ihnen zugestehen. Wie wunderbar ist es jedoch, wenn unterschiedliche Generationen einvernehmlich miteinander auskommen und trotz gewisser Unterschiede und anderer Überzeugungen dennoch an einem Strang ziehen. Das zeugt von einer tiefen Lebensqualität, die uns am Ende selbst guttut. Andreas Erstling

Gebot 5: Freiheit zum Leben

Was dient dem Leben – und was schadet ihm?

„Kein Verbot von Fleischgenuss, aber die Einladung, kritisch zu hinterfragen, was „tötet“. Das betrifft kleine Alltagsthemen wie das Streuen von Gerüchten oder die Spinne beim Staubsaugen – und zugleich existenzielle Fragen in heiklen ethischen Bereichen: Die kranke Seniorin will niemandem zur Last fallen; der ungewollt Schwangeren fehlt es an Unterstützung und sie sieht keine Alternative dazu, ihr Baby „wegmachen“ zu lassen; nach Kindern mit Trisomie wird sogar vorgeburtlich gezielt gesucht… Die Glaubensperspektive darauf ist oft eine ganz andere. Sie sieht Gottes Ebenbilder und träumt von der Freiheit zum Leben. Dr. Jonathan Kühn

Gebot 6: Freiheit zur Liebe ohne Ausnutzung

Liebe braucht Freiheit. Aber auch Verlässlichkeit.

„Es sagte der Seiltänzer zu seiner Frau: „Du müsstest wissen, dass ein Seitensprung für mich nicht in Frage kommt.“ Auch aus Sicht des 6. Gebotes kommt ein Seitensprung nicht in Frage. Denn der Satz „Du sollst nicht ehebrechen“ möchte Menschen vor Abstürzen schützen und weist den Weg zu einer tragfähigen Beziehung.
Natürlich ist die Ehe keine Garantie für ewige Liebe. Wenn der Himmel auf Erden zur Hölle geworden ist, dann müssen Menschen auch auseinandergehen – aber nicht gleich, wenn’s schwierig wird. Zusammenzuhalten braucht Geduld, Verzeihen und Verzicht. Maren Michaelis

Gebot 7: Freiheit vom Nehmen-Müssen

Vielleicht steckt hinter diesem Gebot die Angst, zu kurz zu kommen.

„Schöne Dinge können Freude machen – und zugleich Ballast sein, vor allem dann, wenn sie einem eigentlich nicht zustehen. Der Glaube lädt ein, anderen etwas zu gönnen, statt es unbedingt selbst haben zu wollen.
Das zeigt sich oft im Kleinen: Drängle ich mich vor? Nehme ich mehr, als ich brauche? Oder lasse ich mich treiben von der Angst, zu kurz zu kommen? Einfache Antworten gibt es darauf kaum… Dr. Jonathan Kühn

Gebot 8: Freiheit zur Wahrhaftigkeit

Wahrheit beginnt oft dort, wo Menschen bereit sind, genauer hinzusehen.

„Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“
Wie schnell urteilen und beschuldigen wir andere – oft, weil es uns selbst entlastet.
Dieses Gebot befreit: Ich muss nicht vorschnell urteilen.
Ich darf innehalten, prüfen und fair bleiben. So schützt die Wahrheit den anderen – und auch mich selbst. Dr. Victor Kühn

Gebot 9: Freiheit von Neid

Wer ständig vergleicht, übersieht leicht das Gute im eigenen Leben.

Das Haus steht für den Besitz eines Menschen. Begehren heißt: etwas haben wollen, was einem anderen gehört. Das kann Unzufriedenheit auslösen und Beziehungen belasten.
Das Gebot lädt ein, den Blick zu verändern: weg vom Vergleich, hin zu Dankbarkeit und Genügsamkeit. Anja Raidel

Gebot 10: Freiheit zur Zufriedenheit

Menschen sind kein Besitz.

Hier geht es um Menschen und Beziehungen. Auch sie sollen nicht aus Neid heraus „genommen“ oder zerstört werden.
Stattdessen sind wir eingeladen, Verantwortung für die Menschen zu übernehmen, die uns anvertraut sind. So wächst eine Haltung von Achtsamkeit und Zufriedenheit. Anja Raidel

Neu entdecken.

Die Zehn Gebote gehören zu den zentralen Texten der Bibel. Seit Jahrtausenden werden sie gelesen, ausgelegt, diskutiert und immer wieder neu verstanden.

Jede Zeit stellt ihre eigenen Fragen an diese alten Worte. Jede Generation entdeckt andere Aspekte. Auch die Gedanken auf dieser Seite sind deshalb keine abschließenden Antworten und keine endgültige Auslegung. Sie sind Einladungen, die Zehn Gebote aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten: als Freiräume, die Menschen guttun können.

Vielleicht sprechen Sie manche Gedanken an. Vielleicht widersprechen Sie anderen. Vielleicht würden Sie einzelne Gebote ganz anders deuten.

Gerade darin liegt ihre besondere Stärke: Die Zehn Gebote bleiben im Gespräch. Sie regen dazu an, über Freiheit und Verantwortung, über Beziehungen, Wahrheit, Vertrauen und ein gutes Leben nachzudenken.

Wir laden Sie ein, diese alten Texte nicht nur zu lesen, sondern mit Ihren eigenen Erfahrungen ins Gespräch zu bringen. Denn vielleicht haben die Zehn Gebote auch heute noch etwas zu sagen – und vielleicht beginnt das genau dort, wo Menschen anfangen, über sie nachzudenken.